Die Fachkamera auf der optischen Bank
Der folgende Beitrag über
die Fachkamera richtet sich an all diejenigen Dentalfotografen, welche
sich der Fotografie verschrieben haben. In der Mundfotografie hat dieses
System eigentlich nichts zu suchen, aber in der Produkt-, Werbe- und Architekturfotografie
kann nur mit diesem Kamerasystem professionell gearbeitet werden. Demzufolge
sind alle angesprochen, die im Dentalbereich die professionelle Produkt-
und Werbefotografie betreiben und vielleicht in Ihrer Freizeit der anspruchsvollen
Architekturfotografie fröhnen. Dieser Bericht soll und kann kein abgeschlossenes
Gesamtwerk über die Fachkamera darstellen, da dies ein ausgewachsenes
Fachbuch füllen würde. Vielmehr soll auf die grundsätzlichen
Gesetze und Möglichkeiten dieses Kamerasystems eingegangen werden.
Einfache Allroundaufnahmen lassen sich auch ohne größeren Background
realisieren aber der virtuose Einsatz dieses Kamerasystems erfordert doch
ein gewisses Maß an sorgfältiger Einarbeitung. Deshalb kommt
der interessierte Amateur an dem Studium weiterführender Fachliteratur
sowie einem praktischen Workshop nicht herum.
Einleitung
Was ist, im heutigen Zeitalter
der Digitalfotografie und den superschnellen Autofokuskameras mit Bildfolgen
von bis zu 8 Bildern pro Sekunde, dran an den großen schwerfälligen
Fachkameras, ohne Autofokus und mit Wechselmagazinen für einzelne
Fotos, deren Aussehen an überlange Zieharmonikas erinnert. Nach dem
Motto, man sieht nur was man weiß, möchte ich in diesem Bericht
auf die Mystik dieser Kameraboliden eingehen.
Diese Profikameras erfordern
vom Benutzer ein fundiertes technisches und fotografisches Fachwissen.
Dann aber ermöglichen Sie den virtuosen, fast spielerischen Umgang
mit den Gesetzen der technischen Optik. Dadurch gelingen Aufnahmen, die
an optische Täuschungen grenzen. Diejenigen, welche sich dem Zauber
der Fachkamera hingeben, läßt sie nicht mehr los uind zieht
sie in ihren Bann.
Aber erst dadurch erhält
der Fachphotograph einen Wettbewerbsvorteil, der ihn gegenüber den
Amateuren unangreifbar macht.
Gehen Sie mit mir auf einen
Rundgang durch die Geheimnisse der Fachkamera.
Welche Kamera?
Die Kamera, mit der ich arbeite,
ist eine Cambo SF 45 (Abb.1). Wie die Bezeichnung erkennen läßt,
handelt es sich hier um eine 4 x 5 ´´ Kamera, d.h. das maximal
nutzbare Filmformat ist 4 x 5 inch (entspricht 10,2 x 12,7 cm). Durch entsprechende
Adapter können aber auch Rollfilmkassetten (z.B.: 6 x 7 cm) sowie
Polaroid Sofortbildkassetten angebracht werden. Der Einsatz eines herkömmlichen
Spiegelreflexkameragehäuses, sowie eines professionellen Digitalrückteils
ist ebenso problemlos möglich. Ich verwende die CAMBO Kamera deshalb,
weil diese Kamera ein vernünftiges Preis-Leistungsverhältnis
besitzt und sich in einem für den ambitionierten Amateurfotografen
erschwinglichen Preisgefüge bewegt. Dies ändert jedoch nichts
an der Tatsache, daß diese Fachkamera im professionellen Bereich
uneingeschränkt eingesetzt werden kann.
| Abb.1) Die Fachkamera SF 45 auf optischer Bank von Cambo ist durch Ihr ausgeglichenes Preis-Leistungsverhältnis auch für den ambitionierten Amateur erschwinglich |
Das Filmformat:
Der erste signifikante Unterschied
vom Kleinbild zum Großformat ist das unterschiedliche Filmformat.
Von der Kleinbild Spiegelreflexkamera her kennen wir alle das Filmformat
von 24 x 36 mm, d.h. das Filmnegativ (oder auch das Dia) ist 24 x 36 mm
groß und besitzt demnach eine nutzbare Fläche von 860 mm².
Beim Mittelformat mit 6 x 7 cm erhalten wir bereits eine nutzbare Fläche
von 4200 mm² und beim Großformat (4 x 5 ´´) erhalten
wir eine nutzbare Fläche von 12000 mm². Welche riesigen Qualitätsreserven
dies mit sich bringt ist an der nachfolgenden Tabelle 1.) leicht zu erkennen.
| Filmformat |
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| Abmessung |
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| Fläche [mm²] |
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| Faktor bezüglich KB |
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| Anzahl Bildpunkte |
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Tabelle 1.)
Der Größenvergleich
beeindruckt noch mehr, wenn wir uns die Formate in Ihrer natürlichen
Größe betrachten. Die Abb.2) zeigt das bekannte Kleinbildformat,
auf Abb.3) ist das Mittelformat abgebildet und in Abb.4) strahlt uns das
imposante Großformat entgegen.
| Abb.2) Das KB (24 x 36 mm) mit seiner Perforation | |
| Abb.3) Das Mittelformat (6 x 6 cm) wird mit einem Rollfilm realisiert | |
| Abb.4) Das Großformat (10,2 x 12,7 cm) ist als Einzelblatt (Planfilm) erhältlich (Belichtungsmesser; Produktfoto: Gossen) |
Kamerarückteile:
An der Fachkamera können
je nach Wunsch die verschiedensten Filmrückteile angebracht werden.
Die gängigsten Rückteile der Fachkamera zeigt die Abbildung 5.).
Für spezielle Anwendungen in der Makrofotografie setzte ich gelegentlich
eine herkömmliche Spiegelreflexkamera als Rückteil ein, wie es
in Abb.6) gezeigt wird. Hier erzielt man bei der Verwendung eines Objektivs
mit einer Brennweite von 350 mm und einem Kameraauszug von 70 cm einen
Abbildungsmaßstab von (1:1). Dies allein ist noch nicht spektakulär,
aber der Umstand, daß man dabei einen Abstand von dem fotografierten
Objekt zur Frontlinse des Objektivs von ebenfalls 70 cm erhält, ist
durchaus beachtlich. So hat man ausreichend Platz, um schwierige Beleuchtungssituationen
zu meistern. Als letztes ist noch der Einsatz von Digitalrückteilen
zu nennen. Dies wird aber in einem weiteren Bericht ausführlich erörtert.
| Abb.5) Sofortbildrückteil, Rollfilmrückteil und Planfilmkassette | Abb. 6) An der Fachkamera kann ein gewöhnliches Spiegelreflexkameragehäuse angebracht werden |
Die Fachkamera auf der optischen Bank
Die Fachkamera besteht im wesentlichen aus 4 Modulen:
Bankrohr als Träger
für die Objektiv- und Bildstandarte:
Das Bankrohr (Abb.7) ist
quasi der Grundrahmen an welchem die anderen Systemkomponenten befestigt
sind. Auf ihm sitzen die 2 verschiebbaren Gelenke mit welchen die beiden
Standarten in ihrer räumlichen Position ausgerichtet werden können.
| Abb.7) Bankrohr |
Objektivstandarte mit
Gelenkverbindung inklusive Objektiv:
Die Objektivstandarte (Abb.8)
ist der Träger des Objektivs.
Merke:
Mit der Objektivstandarte wird die Schärfeebene verlagert
| Abb.8) Objektivstandarte |
Bildstandarte mit Gelenkverbindung
inklusive Filmkassette:
An der Bildstandarte (Abb.9)
können die verschiedensten Filmkassetten (z.B. Planfilm, Rollfilm,
Sofortbildfilm) adaptiert werden.
Merke:
Mit der Bildstandarte wird die Perspektive beeinflußt
| Abb.9) Bildstandarte |
Balgen:
Der Balgen (Abb.10) verbindet
beweglich und lichtdicht die Objektiv- und die Bildstandarte ohne den Strahlengang
zu behindern. Das Balgenprinzip kennen wir alle von der Ziehharmonika.
| Abb.10) Balgen |
Die einzigartigen Möglichkeiten,
die man durch die Fachkamera erhält, sind auf ein einziges Konstruktionsmerkmal
zurückzuführen. Dieses Konstruktionsmerkmal liegt in der Verstellmöglichkeit
der Objektivstandarte (Objektivebene) zur Bildstandarte (Filmebene) begründet,
d.h. die räumliche Ausrichtung des Objektivs zum Film kann stufenlos
in allen Raumdimensionen verändert werden.
Damit dies realisiert werden
kann, müssen die Objektive für die Fachkamera ebenfalls ein bestimmtes
Konstruktionsmerkmal aufweisen. Deshalb ist bei den Fachobjektiven der
Bildwinkel deutlich größer als der Aufnahmewinkel.
Die Fachobjektive:
Die Fachobjektive (Abb.11)
heben sich (abgesehen von der außerordentlich hohen optischen und
mechanischen Qualität) durch ein spezielles Merkmal von den herkömmlichen
Objektiven ab. Der Bildkreis ist wesentlich größer als bei Objektiven
für Kleinbild und Mittelformat. Dies hat einen bestimmten Grund:
Der Bildkreis ist bewußt
größer als das verwendete Filmformat gewählt, damit Verstellreserven
für die Filmebene gegeben sind. Denn ohne entsprechend großen
Bildkreis könnten die Verstellmöglichkeiten der Fachkamera gar
nicht ausgenutzt werden.
| Abb.11) 6,3/240 mm Großformatobjektiv von Yamasaki |
Um dies besser zu verstehen möchte ich auf diese Begriffe näher eingehen.
Der Aufnahmewinkel:
Merke:
Der Aufnahmewinkel ist von der Brennweite des Objektivs (bezogen auf das
Aufnahmeformat) abhängig. Da die Brennweite des Normalobjektivs ungefähr
der Größe der Bilddiagonalen des Aufnahmeformats entspricht,
ist die Normalbrennweite der Kameras vom Filmformat abhängig. Als
Faustregel gelten als Normalbrennweite:
| Filmformat |
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| Kleinbild (24 x 36 mm) |
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| Mittelformat (6 x 6 cm) |
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| Großformat (4 x 5 inch) |
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Da der Aufnahmewinkel bei allen 3 Kameras gleich groß ist, wird also mit dem dazugehörenden Normalobjektiv jeweils auch der gleiche Bildausschnitt fotografiert. Der Aufnahmewinkel (Erfassungswinkel) des menschlichen Auges entspricht ebenfalls etwa diesen 43°.
Der Bildwinkel:
Merke: Der Bildwinkel ist von der Objektivkonstruktion abhängig. Er bestimmt die Größe des (nutzbaren) Bildkreises. Er wird deshalb manchmal als der Bildentstehungswinkel bezeichnet.
Bei fest mit der Kamera verbundenen
Kameraobjektiven ist der Bildwinkel im allgemeinen gleich groß (bzw.
minimal größer) wie der Aufnahmewinkel (Abb.12).
| Abb.12) Das Winkelverhältnis beim „normalen“ Kameraobjektiv |
Beim Fachobjektiv (aber auch
bei Shift - und Tilt - Objektiven) ist der Bildwinkel größer
wie der der Aufnahmewinkel (Abb.13).
| Abb.13) Das Winkelverhältnis beim Fachobjektiv |
Die Größe des Bildwinkels bestimmt den Durchmesser des Bildkreises.
Der Bildkreis:
Jedes Objektiv bildet einen Objektpunkt auf der Filmebene als Bildpunkt ab. Diese „flächige Punktewolke“ wird als der sogenannte Bildkreis (Abb.14a, Abb.14b und Abb.15) bezeichnet. Die Größe dieses Bildkreises wird durch die Objektivkonstruktion, die Arbeitsblende sowie durch den Abbildungsmaßstab bestimmt. Damit die Verstellungen an der Fachkamera ausgenutzt werden können, muß also der Bildkreisdurchmesser größer sein als die Formatdiagonale des Aufnahmeformates.
Eine Fachkamera ist also
nichts anderes als eine Vorrichtung, die es erlaubt, einen Film innerhalb
dieses Bildkreises (abgeschirmt durch Fremdlicht) in verschiedenen räumlichen
Positionen absolut plan auszurichten und beim Auslösen des Kameraverschlusses
das Bild auf den Film zu projizieren.
| Abb.14a.) Ist der Bildkreis gleich groß wie die Bilddiagonale, ist keine Verstellmöglichkeit gegeben. | |
| Abb.14b.) Bei einem großen Bildkreis kann ein größeres Filmformat verwendet werden. | |
| Abb.15) Bei genügend großem Bildkreis (Bilddiagonale kleiner als Bildkreisdurchmesser) kann die Filmebene innerhalb des Bildkreises verschoben werden. |
Scharfeinstellung:
Scharfgestellt wird bei der
Fachkamera durch Veränderung des Auszuges. Kleiner Auszug (Abb.16)
entspricht einem kleinen Abbildungsmaßstab. Großer Auszug (Abb.17)
entspricht einem großen Abbildungsmaßstab. Kontrolliert wird
die Schärfe auf der Mattscheibe. Hierzu kann man mit Hilfe einer Lupe
das Bild exakt beurteilen. Die einzige Umgewöhnung ist die, daß
das Mattscheibenbild auf dem Kopf steht.
| Abb.16) Kleiner Auszug im Fernbereich | Abb.17) Großer Auszug im Nahbereich |
Die Kameraverstellungen:
Grundsätzlich gibt es nur zwei Verstellungen, die möglich sind. Die Parallelverschiebung und die Schwenkung (Kippung) der einzelnen Standarten in horizontaler und vertikaler Ebene. Diese beiden Verstellungen können einzeln oder auch in Kombinationen ausgeführt werden.
Die Parallelverschiebung (Hochverstellung und Seitwärtsverstellung):
Es gibt 2 Möglichkeiten,
eine Verschiebung auszuführen. Die direkte Verschiebung und die indirekte
Verschiebung. Bei der direkten Verschiebung (Abb.18 und Abb.20) werden
die Standarten einfach mit dem Schienensystem verschoben. Dies erlaubt
konstruktionsbedingt keine allzu großen Verschiebewege. Um diese
Wege zu vergrößern, setzt man einfach die indirekte Verschiebung
ein. Abbildung 19 und Abbildung 21 zeigen anschaulich, wie dies realisiert
wird.
| Abb.18) Direkte Verschiebung (Bankrohr gerade) | Abb.19) Indirekte Verschiebung (Bankrohr gekippt) |
| Abb.20) Direkte Seitwärtsverschiebung (Bankrohr gerade) | Abb.21) Indirekte Seitwärtsverschiebung (Bankrohr verdreht) |
Merke:Wird die Bildstandarte parallel zum fotografierten Objekt ausgerichtet, werden parallele Linien auch wieder parallel abgebildet. Dadurch können stürzende Linien vermieden werden.
Wie werden jetzt diese Verschiebungen sinnvoll eingesetzt? Dies soll anhand der Perspektive erklärt und an einem Beispiel veranschaulicht werden.
Die Perspektive:
Unter Perspektive versteht man die Projektion räumlicher Objekte und Verhältnisse auf eine Bildebene. In der Fotografie wird ein dreidimensionaler Objektraum auf die Filmebene projiziert und dort vom Film festgehalten. Die Aufgabe des Fotografen ist es also, den Kamerastandpunkt und die Lage der Bildstandarte so zu wählen, daß die Fotografie der normalen (gewünschten) Sichtweise des Betrachters möglichst nahe kommt.
Merke: Die Perspektive wird ausschließlich vom Standpunkt des Betrachters (hier der Kamera) und bei der Fachkamera zusätzlich von der Stellung der Bildstandarte beeinflußt.
Dies hört sich kompliziert an. Aber durch ein einfaches Beispiel wird dieser Sachverhalt sofort klar. Jeder der sich mit der Fotografie schon näher beschäftigt hat kennt das folgende Problem. Sie wollen aus der Nähe ein hohes Gebäude (z.B. einen Kirchturm) fotografieren. Deshalb richten Sie die Kamera steil nach oben um das gesamte Gebäude auf den Film zu bekommen. Spätestens wenn Sie das fertige Bild in den Händen halten sehen Sie, daß der Kirchturm oben spitz zuläuft. In der Fotografie spricht man dabei von den „stürzenden Linien“. Dies hängt einfach damit zusammen, daß die Kirchturmspitze weiter entfernt ist und deshalb, bedingt durch den daraus resultierenden kleineren Abbildungsmaßstab, ebenfalls kleiner erscheint. Beheben läßt sich dieser Umstand nur mit Hilfe eines Shiftobjektivs oder der Fachkamera.
Beispiele:
Kirchturm mit stürzenden
Linien. Das Bild in Abb.23) ist dadurch entstanden, weil die Bildstandarte
parallel (d.h. senkrecht) zu den Mauern ausgerichtet wurde und die Objektivstandarte
hochgestellt wurde (vgl. Abb.18).
| Abb.22) Ein Kirchturm fotografiert mit der KB-Spiegelreflexkamera ohne Perspektivenkorrektur | |
| Abb.23) Mittels Perspektivenkorrektur erscheinen die Wände des Gebäudes absolut parallel | |
| Abb.24) Durch übertriebene Perspektivenkorrektur können außergewöhnliche Effekte erreicht werden. |
Produktfotografie
Ein ähnliches Problem
tritt auf, wenn in der Produktfotografie z.B. Flaschen oder Schachteln
von schräg oben fotografiert werden sollen. Auch hier erhalten wir
ohne Perspektivenkorrektur ebenfalls die unerwünschten stürzenden
Linien. Deshalb wird auch hier die Bildstandarte parallel zu den Objektflächen
ausgerichtet und durch eine Tiefstellung der Objektivstandarte die gewünschte
Perspektive ermöglicht. Über die Arbeit mit dem hier abgebildeten
hochinteressanten SW-Infrarotfilm wird in naher Zukunft ebenfalls ein kleiner
Bericht erscheinen.
| Abb.25) Ohne Perspektivenkorrektur erhalten wir hier stürzende Linien | Abb.26) Durch die Perspektivenkorrektur (vgl.Abb.19) werden die stürzenden Linien eliminiert |
Hier stoßen wir jedoch auf ein weiteres Problem: Durch die begrenzte Schärfentiefe (besonders im Nah- und Makrobereich) werden nicht alle Produkte auf dem Tisch scharf abgebildet. Aber auch hier ermöglicht uns die Fachkamera die Lösung des Problems auf geniale Weise.
Die Schwenkung (Kippung):
Auch die Schwenkung kann
in horizontale und/oder vertikaler Ebene erfolgen. Abbildung 27 zeigt die
Schwenkung der Objektivstandarte um die Horizontalachse und die Abbildung
28 um die Vertikalachse.
| Abb.27) Schwenkung um die Horizontalachse | Abb.28) Schwenkung um die Vertikalachse |
Wir erinnern uns: Merke: Mit der Objektivstandarte wird die Schärfeebene verlagert.
Durch einfaches Schwenken
(Kippen) der Objektivstandarte nach vorne wird die Schärfeebene auf
die Objektebene verlagert (Abb.29). Der erste der diesen Umstand erkannte
und bewußt einsetzte war der österreichische Hauptmann und Kartograph
Theodor Scheimpflug (1865 - 1911).
| Abb.29) Die Kameraeinstellung nach Scheimpflug |
Ihm zu Ehren wird heute diese Korrektur als der:
"Schärfeausgleich nach Scheimpflug"
benannt.
Definition:
Wenn sich Bildebene, Objektivebene
und Gegenstandsebene (= Objektebene) in einer gemeinsamen Geraden schneiden,
sind sämtliche Objekte auf der Gegenstandsebene durchgehend scharf
(Abb.30).
| Abb.30) Die Scheimpflug Bedingung |
Beispiel:
Aus einem Buch wurde die
Definition der Scheimpflug-Bedingung schräg abfotografiert. Im ersten
Bild (Abb.31) wurde ohne Kameraverstellung und Blende 5,6 fotografiert.
Die Schärfentiefe ist dabei sehr gering. Im zweiten Bild (Abb.32)
wurde auf Blende 32 abgeblendet. Trotzdem ist die Buchseite immer noch
nicht durchgängig scharf. Im dritten Bild (Abb.33) wurde die Kamera
laut der Scheimpflugbedingung verstellt. Da die gleiche Blende wie beim
vorigen Bild verwendet wurde (Blende 32) ist die Schärfentiefe gleich
groß wie vorher, aber die Schärfeebene wurde auf die Objektebene
verlagert. Deshalb ist diese Aufnahme durchgehend scharf.
| Abb.31) Keine Verstellung mit Blende 5,6 | Abb.32) Keine Verstellung mit Blende 32 | Abb.33) Scheimpflug-
verstellung mit Blende 32 |
Makrofotografie
Bei der Makrofotografie mit
der Fachkamera (Abb.34) wird ein großer Abbildungsmaßstab in
aller Regel durch einen hohen Auszug realisiert. Dazu bedient man sich
spezieller langer Balgen. Ebenfalls können mehrere Balgen mit Hilfe
einer Zwischenstandarte kombiniert werden. So wurde im folgenden Fall durch
die Kombination zweier Bankrohre, zweier Balgen und einer Zwischenstandarte
ein Kameraauszug von 1 m realisiert.
| Abb.34) Makrofotografie mit der Fachkamera |
Bildbeispiele
Als kleines Beispiel sehen
wir hier die Makroaufnahme eines Haifischzahnes.
| Abb.35) Beispielaufnahme eines Haifischzahnes |
Zu guter Letzt möchte
ich eine Werbeaufnahme vorstellen. Hier erkennen wir, wie sich eine ästhetische
Keramikarbeit mit einem ansprechenden Hintergrund zu einem harmonischen
und trotzdem spannungsgeladenen Bildaufbau entwickelt.
| Abb.36) Zahntechnische Arbeit: Wolfram Schultis / Karlsruhe |
Zusammenfassung
Die Arbeit mit der Fachkamera
beinhaltet nicht nur die Erstellung einer Fotografie. Sie ist ein Stück
Lebensinhalt. Dem kurzen Klick im Moment der Auslösung geht ein akribischer
Bildaufbau voraus, die einer Meditation gleicht. Der Fotograf stellt ein
Bild, welches bereits vor der eigentlichen Aufnahme im inneren Auge des
Fotografen entstanden ist, nur noch nach. Der Umgang mit der Fachkamera
ist also nicht nur als Mittel zum Zweck zu betrachten, sondern dient zur
perfekten Umsetzung und Dokumentation der eigenen Kreativität. Ich
hoffe, daß es Ihnen ein bischen Spaß gemacht hat. Vielleicht
konnte ich den ein oder anderen zu einer wundervollen Freizeitbeschäftigung
animieren. Ich kann es jedenfalls empfehlen.